China Xinjiang

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  • Burqin – Leben in der Grenzregion
    2013-01-18    Quelle:China Heute    Autor:

    Von Li Yuan

    Der Kreis Burqin liegt im Norden des Autonomen Gebiets Xinjiang der Uiguren, in einem der äußersten Zipfel Chinas. Im Nordwesten grenzt er an Russland und Kasachstan, im Osten an die Republik Mongolei. Burqin ist das einzige Gebiet Chinas, das vier Nachbarländer hat. Hier leben Angehörige von 21 ethnischen Gruppen, unter anderem Kasachen, Han-Chinesen, Hui, Mongolen und Russen.

    In der Vergangenheit war der Hafen Burqins ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Schifffahrt zwischen China und der ehemaligen Sowjetunion. Über den Fluss Irtysh, der den Kreis durchfließt, wurden verschiedenste Materialien transportiert. Noch immer säumen grüne, ebenerdige Häuser im russischen Baustil als Zeitzeugen das Flussufer. Früher waren sie Dienststelle des sowjetischen Konsulats, heute ist ein Museum für den Schiffsverkehr zwischen China und der Sowjetunion darin zu finden. Aber auch heute noch erzählt der Kreis als wichtige Grenzregion unentwegt Geschichten, neue Geschichten in einem neuen Zeitalter.

    Gina und ihr Kwas

    Wer Burqin zum ersten Mal besucht, dem werden die gastfreundlichen Einheimischen sicher empfehlen, auf dem Nachtmarkt am Flussufer einmal den von einer alten Russin selbst hergestellten Kwas zu probieren. Kwas ist ein in Russland, der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern weit verbreitetes kohlensäurehaltiges Getränk, das aus vergärtem Zwieback hergestellt wird. Es schmeckt leicht säuerlich bis süßlich und hat einen niedrigen Alkoholgehalt.

    Die Autorin und Oma Gina im Kwas-Laden

    Die alte Dame, die den Kwas zubereitet, ist Russin, stolze 77 Jahre alt und heißt Gina. Ich treffe sie an ihrem kleinen Stand auf dem belebten Nachtmarkt. Die weißhaarige, gütig aussehende und füllige Frau sitzt auf einem Stuhl und füllt gerade den von ihrer Familie selbst hergestellten Joghurt in Becher ab. Neben ihr steht ein kleiner Tisch, auf dem feinsäuberlich Kwas-Flaschen aufgereiht sind. Das Etikett der Flaschen trägt den Namen „Russische Oma“. Gina hat diese Marke eigens registrieren lassen.

    Gina wurde gegen Ende des russischen Zarenreiches in eine Adelsfamilie geboren. Wegen politischer Vorkommnisse floh Gina im Kindesalter mit ihrer Familie und anderen etwa 80 Russen in den Kreis Habahe in Altay, später zog ihre Familie weiter in den Kreis Burqin.

    Schon als junge Frau konnte Gina fließend Russisch, Chinesisch und Kasachisch sprechen. Sie war als Verkäuferin und Dolmetscherin tätig und erlebte das Auf und Ab von Burqin als Handelshafen mit.

    Unter ihren zahlreichen Verehrern hat sich Gina für den gutherzigen Gregory entschieden und ihm das Ja-Wort gegeben. Mittlerweile ist ihr Liebster verschieden. Gregory gehörte der russischen Minderheit in China an und arbeitete lange als LKW-Fahrer eines Unternehmens für Buntmetalle, das dem sowjetischen Konsulat angeschlossen war, erzählt uns die alte Dame. „Er hat Erze von Koktokay nach Burqin ausgefahren, wo sie auf Schiffe verladen und über den Fluss Irtysh zum Kai Zaisan im heutigen Kasachstan gebracht wurden.“

    „Gregroy war ein tüchtiger Mann und ein fabelhafter Ziehharmonikaspieler. An seinen schönen Melodien habe ich mich nie satt hören können“, erinnert sich Gina und ihre Augen beginnen zu glänzen. „Und mein Kwas war Gregroys Lieblingsgetränk. Im Kwas sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft abzuschmecken, hat er oft zu mir gesagt.“

    Nachdem die chinesisch-sowjetischen Beziehungen einen Riss bekommen hatten, zog sich das Konsulatspersonal zurück. Auch das Unternehmen für Buntmetalle wurde geschlossen und der rege Verkehr auf dem Irtysh gehörte der Vergangenheit an. Anders als viele ihrer Landsleute, die 1956 ins Ausland abwanderten, blieb Ginas Familie in China. Was folgte, waren unruhige Jahre, in denen Gina wie viele andere Russen in China als „sowjetische Revisionistin“ und „Spionin“ abgestempelt wurde. „Ich bin eine Überlebende“, sagt Gina über jene Zeit.

    Mit ihrem Mann Gregory verbrachte Gina 50 harte aber auch glückliche Jahre, gemeinsam gingen sie durch Höhen und Tiefen. Und auch heute, nach Gregorys Tod, braut Gina weiter ihren Kwas, „einerseits um mir die Zeit zu vertreiben, andererseits als eine Art, die Tage des Lebens mit meinem Mann weiterzuführen“, sagt sie. Auf Vorschlag ihrer Stammkunden hat Gina einen Verkaufsstand auf dem Nachtmarkt aufgeschlagen. Ihren Kwas ließ sie mit der Marke „Russische Oma“ eintragen.

    Ginas Kwas ist ein Verkaufsschlager auf dem Nachtmarkt. Jeden Tag gehen über 100 Flaschen über den Tresen. Die alte Dame und ihr Kwas sind mittlerweile zu einer regelrechten Touristenattraktion geworden. Auch ihr Joghurt der Marke „Russische Oma“ ist verkauft sich bestens.

    Trotz ihres stolzen Alters hilft Gina noch immer jeden Morgen ihrer Schwiegertochter dabei, die Flaschen auszuwaschen und Kwas und Joghurt zuzubereiten. Gegen sieben Uhr am Abend fährt Gina, nachdem ihre Schwiegertochter zwei große Tonnen gefüllt mit Joghurt auf das Elektro-Dreirad der rüstigen alten Dame geladen hat, zum Nachtmarkt. „Ich habe meine Rente, es fehlt mir nicht an Geld. Auch meine Kinder und Enkelkinder haben ihr Auskommen und ich brauche mir um sie keine Sorgen zu machen“, erzählt Gina. „Es ist mir einfach ein Vergnügen, dem Treiben der Menschenmenge auf dem Nachtmarkt zuzuschauen“, sagt sie.

    Am meisten Freude bereiten Gina die traditionellen russischen Festtage. Dann trifft sie mit vielen Russen in der Kreisstadt zusammen. Gemeinsam tanzen sie zur Ziehharmonika-Musik.